Mehrwertsteuer und Inflation
Eine Änderung der Mehrwertsteuer bewegt die Inflationsrate, aber selten so stark, wie die Rechnung vermuten lässt. Erhöhungen werden meist weitgehend an Verbraucher weitergegeben, Senkungen oft nur teilweise. Die Erfahrungen aus 2007, 2020, 2024 und 2026 zeigen: Entscheidend sind Branche, Wettbewerb und die Kostenlage der Unternehmen.
Das Wichtigste in Kürze
- Rechnerische Preiswirkung bei voller Weitergabe: (100 + neuer Satz) ÷ (100 + alter Satz) − 1, z. B. +2,59 % bei 16 % auf 19 %.
- 2007 (16 % auf 19 %): laut Bundesbank weitgehend weitergegeben, rechnerisch höchstens rund 1,4 Prozentpunkte Inflation laut ifo.
- 2020 (befristete Senkung): Supermärkte gaben die Senkung laut ifo vollständig weiter; Destatis bezifferte den rechnerischen Effekt auf −1,6 Prozentpunkte.
- 2024 (Gastronomie 7 % auf 19 %): rund 8 % Preisanstieg statt rechnerisch 11,2 %. 2026 (zurück auf 7 %): bislang kaum Preissenkungen.
Inhalt
Wie eine Satzänderung rechnerisch auf Preise wirkt
Die Mehrwertsteuer wird auf den Nettopreis aufgeschlagen. Ändert sich der Satz und bleibt der Nettopreis gleich, ändert sich der Bruttopreis um das Verhältnis der beiden Steuerfaktoren.
Preisänderung = (100 + neuer Satz) ÷ (100 + alter Satz) − 1
| Änderung | Anlass | Preiswirkung bei voller Weitergabe |
|---|---|---|
| 16 % → 19 % | Erhöhung 2007 | +2,59 % |
| 19 % → 16 % | Senkung Juli 2020 | −2,52 % |
| 7 % → 5 % | Senkung Juli 2020 | −1,87 % |
| 7 % → 19 % | Gastronomie 2024, Gas April 2024 | +11,21 % |
| 19 % → 7 % | Gastronomie 2026 | −10,08 % |
Auf die Inflationsrate wirkt eine Änderung nur mit dem Gewicht der betroffenen Güter im Warenkorb. Steuerfreie Ausgaben wie Mieten bleiben unberührt, und viele Preise werden nicht vollständig angepasst. Den Effekt für einen einzelnen Preis berechnen Sie mit dem Rechner oben oder unter Preisänderung bei neuem Mehrwertsteuersatz.
2007: Erhöhung von 16 % auf 19 %
Zum 1. Januar 2007 stieg der Regelsatz um drei Punkte – die größte Anhebung in der Geschichte der Bundesrepublik. Das ifo-Institut errechnete einen maximalen Anstieg der Teuerungsrate um 1,4 Prozentpunkte, falls die Erhöhung vollständig und bei unveränderter Nachfrage weitergegeben würde. Tatsächlich stiegen die Verbraucherpreise 2007 um 2,2 % (Verbraucherpreisindex) bzw. 2,3 % (harmonisierter Index) – der höchste Wert seit 1994. Destatis nannte neben der Mehrwertsteuer die gleichzeitig erhöhte Versicherungsteuer und die Energiepreise als Treiber.
Die Bundesbank kam im April 2008 zu dem Ergebnis, dass die Erhöhung rückblickend weitgehend weitergegeben wurde – allerdings nicht auf einen Schlag: Nur ein kleiner Teil der Unternehmen erhöhte die Preise genau zum Stichtag und in voller Höhe, viele verteilten die Anpassung über Monate, einige verzichteten ganz darauf. Weil die Erhöhung früh angekündigt war, zogen Verbraucher zudem Käufe ins Jahr 2006 vor. Hintergründe: Mehrwertsteuererhöhung 2007.
2020: befristete Senkung in der Corona-Krise
Vom 1. Juli bis 31. Dezember 2020 galten 16 % und 5 % statt 19 % und 7 %. Destatis bezifferte den rein rechnerischen Effekt auf die Inflationsrate auf −1,6 Prozentpunkte. Die Inflationsrate sank von 0,9 % im Juni auf −0,1 % im Juli 2020 und lag bis Dezember bei null oder darunter. Mit der Rückkehr zu den alten Sätzen stieg sie im Januar 2021 auf 1,0 %. Ein halbes Jahr später sorgte der Basiseffekt für einen Sprung: Im Juli 2021 lag die Inflationsrate bei 3,8 %, nachdem sie im Juni noch 2,3 % betragen hatte.
Eine ifo-Studie mit über 60.000 Supermarktprodukten fand eine vollständige Weitergabe: Die Preise sanken im Schnitt um etwa 2 %. Den Konsum kurbelte die Senkung laut späteren ifo-Auswertungen nur wenig an. Details: Mehrwertsteuersenkung 2020.
2022 bis 2024: Gas und Gastronomie
Von Oktober 2022 bis März 2024 galt für Gas und Fernwärme vorübergehend 7 % statt 19 % (Senkung der Gas-Mehrwertsteuer). Die Rückkehr zu 19 % im April 2024 fiel in eine Phase sinkender Großhandelspreise und löste keinen sichtbaren Inflationssprung aus.
In der Gastronomie lief zum 1. Januar 2024 die Ermäßigung für Speisen aus, der Satz stieg von 7 % auf 19 %. Bei voller Weitergabe hätten die Preise um 11,2 % steigen müssen. Eine Auswertung der Hochschule München (Firgo, 2025) kommt auf rund 8 % – also eine Weitergabe von etwa 70 %. Die Gesamtinflationsrate sank im Januar 2024 trotzdem auf 2,9 %, weil andere Preise nachgaben. Mehr: Gastronomie 2024.
2026: Senkung für Speisen auf 7 %
Seit dem 1. Januar 2026 gelten für Speisen in der Gastronomie dauerhaft 7 % (Mehrwertsteuer in der Gastronomie 2026). Bei voller Weitergabe hätten Speisen rund 10 % günstiger werden müssen. Die bisherigen Auswertungen zeigen das Gegenteil:
- Eine Analyse des Datendienstleisters Meoton von über 200.000 Preisen zwischen Mitte Dezember 2025 und Mitte Januar 2026 fand bei Speisen ein Plus von 0,1 %.
- Eine von der Gewerkschaft NGG beauftragte Auswertung von rund 180.000 Gerichten kam im Herbst 2026 auf einen Preisanstieg von 0,5 %.
- Der DEHOGA verweist darauf, dass knapp drei Viertel der Betriebe ihre Preise trotz höherer Kosten stabil gehalten hätten, etwa nach der Mindestlohnerhöhung auf 13,90 € zum 1. Januar 2026.
Die Senkung wirkte also vor allem als Entlastung der Betriebe, nicht der Gäste. Das war politisch so angekündigt, wird aber kontrovers bewertet. Eine amtliche Wirkungsanalyse liegt noch nicht vor (Stand: Oktober 2026).
Warum Erhöhungen stärker durchschlagen als Senkungen
Internationale Studien – etwa eine IWF-Untersuchung von Benedek, de Mooij, Keen und Wingender (2020) mit Daten aus dem Euroraum – finden ein ähnliches Muster wie die deutschen Erfahrungen:
- Änderungen des Regelsatzes werden im Durchschnitt weitgehend weitergegeben, Änderungen ermäßigter Sätze deutlich weniger.
- Erhöhungen kommen eher bei den Kunden an als Senkungen.
- Befristete Änderungen werden seltener weitergegeben, weil Unternehmen die Kosten der Preisumstellung scheuen.
- Wettbewerb erhöht die Weitergabe: Im Lebensmittelhandel mit transparenten Preisen ist sie hoch, in Restaurants und bei Dienstleistungen geringer.
- Kostendruck überlagert Senkungen: Steigen Löhne, Mieten oder Einkaufspreise, nutzen Betriebe die Steuersenkung zur Stabilisierung der Marge.
Für die Debatte über eine mögliche Erhöhung des Regelsatzes heißt das: Mit einer weitgehenden Weitergabe wäre zu rechnen. Ein Punkt mehr (19 % auf 20 %) würde Güter mit Regelsatz rechnerisch um 0,84 % verteuern. Den Stand der Diskussion beschreibt Mehrwertsteuer-Erhöhung: Stand der Debatte; allgemein zur Wirkung von Senkungen: Mehrwertsteuersenkung – Wirkung auf Preise.
Häufige Fragen
Wie stark beeinflusst die Mehrwertsteuer die Inflation?
Rechnerisch erhöht ein Punkt mehr beim Regelsatz die Preise der betroffenen Güter um 0,84 %. Auf die Inflationsrate wirkt das nur mit dem Gewicht dieser Güter im Warenkorb und nur, soweit Unternehmen die Steuer weitergeben. 2007 lag der Effekt bei rund einem bis 1,4 Prozentpunkten.
Wird eine Mehrwertsteuersenkung an Verbraucher weitergegeben?
Teilweise. 2020 gaben Supermärkte die Senkung laut ifo vollständig weiter, die Gastronomie 2026 dagegen kaum. Pflicht zur Weitergabe gibt es nicht.
Warum wurden Restaurants 2026 nicht billiger?
Die meisten Betriebe nutzten die Senkung, um gestiegene Kosten für Personal, Energie und Wareneinsatz aufzufangen. Auswertungen zeigen leichte Preissteigerungen von 0,1 % bis 0,5 % statt der rechnerisch möglichen rund 10 % Senkung.
Was ist ein Basiseffekt bei der Inflation?
Die Inflationsrate vergleicht Preise mit dem Vorjahresmonat. War der Vorjahreswert wegen einer Steuersenkung niedrig, fällt die Rate ein Jahr später automatisch höher aus – so 2021 nach der Senkung von 2020.
Quellen
- Deutsche Bundesbank: Monatsbericht April 2008, Preiseffekte der Mehrwertsteueranhebung 2007
- ifo Dresden berichtet 2/2008: Wirkung der Mehrwertsteuererhöhung auf die Verbraucherpreise
- Fuest, C., Neumeier, F., Stöhlker, D.: Die Preiseffekte der Mehrwertsteuersenkung im Supermarkt-Einzelhandel, ifo Schnelldienst digital 13/2020
- Statistisches Bundesamt: Pressemitteilungen zur Inflationsrate 2007, Juli 2020 (Nr. 288 vom 30.7.2020), Januar 2021 (Nr. 057 vom 10.2.2021), Juli 2021 und Januar 2024
- Firgo, M.: Studie zur Preiswirkung der Mehrwertsteuererhöhung in der Gastronomie 2024, Hochschule München, 2025
- Meoton-Preisanalyse Gastronomie (Januar 2026); NGG/wmp consult-Studie (Herbst 2026)
- Benedek, D., de Mooij, R., Keen, M., Wingender, P.: Varieties of VAT pass through, International Tax and Public Finance 27 (2020)