Ist die Mehrwertsteuer sozial gerecht?
Gemessen am Einkommen wirkt die Mehrwertsteuer regressiv: Haushalte mit geringem Einkommen geben einen größeren Teil davon aus und zahlen deshalb anteilig mehr Mehrwertsteuer als Haushalte mit hohem Einkommen, die mehr sparen. Gemessen an den Konsumausgaben ist die Belastung dagegen annähernd proportional oder sogar leicht progressiv. Ob die Mehrwertsteuer sozial gerecht ist, hängt also stark vom Maßstab ab.
Das Wichtigste in Kürze
- Studien von DIW, IW und OECD stimmen überein: Relativ zum Einkommen belastet die Mehrwertsteuer untere Einkommen stärker.
- Relativ zum Konsum ist die Belastung gleichmäßig oder steigt leicht, weil Steuerfreies (Miete) und Ermäßigtes (Lebensmittel) bei Geringverdienern einen größeren Anteil haben.
- In absoluten Euro zahlen Haushalte mit hohem Einkommen deutlich mehr; auf die oberen 10 % entfallen laut IW rund 18 % des Aufkommens.
- Der ermäßigte Satz von 7 % mildert die Regressivität, ist aber wenig zielgenau – auch wohlhabende Haushalte profitieren.
Inhalt
Warum die Mehrwertsteuer als regressiv gilt
Die Mehrwertsteuer hat einen festen Satz und knüpft am Konsum an, nicht am Einkommen. Wer 2.000 € im Monat verdient, gibt meist fast alles aus. Wer 8.000 € verdient, spart einen erheblichen Teil. Gespartes Einkommen wird zunächst nicht mit Mehrwertsteuer belastet. Deshalb sinkt die Steuerlast im Verhältnis zum Einkommen, je höher das Einkommen ist – das ist mit „regressiv“ gemeint.
Zwei Faktoren wirken dagegen:
- Steuerfreie Ausgaben: Wohnungsmieten sind nach § 4 Nr. 12 UStG steuerfrei (siehe steuerfreie Umsätze). Haushalte mit geringem Einkommen geben einen größeren Anteil ihres Budgets für Miete aus.
- Ermäßigte Ausgaben: Lebensmittel unterliegen 7 % (Mehrwertsteuer auf Lebensmittel). Ihr Anteil am Budget sinkt mit steigendem Einkommen, während der Anteil an Restaurantbesuchen, Reisen, Technik und anderen 19-%-Gütern steigt.
Rechenbeispiel: zwei Haushalte im Vergleich
Das folgende vereinfachte Beispiel zeigt, wie der Maßstab das Ergebnis dreht. Die Ausgabenanteile sind Annahmen zur Veranschaulichung, keine statistischen Werte.
| Monatswerte | Haushalt A | Haushalt B |
|---|---|---|
| Nettoeinkommen | 2.000,00 € | 8.000,00 € |
| Konsumausgaben (brutto) | 2.000,00 € | 5.000,00 € |
| davon steuerfrei (Miete, Versicherungen) | 800,00 € (40 %) | 1.250,00 € (25 %) |
| davon mit 7 % | 400,00 € (20 %) | 600,00 € (12 %) |
| davon mit 19 % | 800,00 € (40 %) | 3.150,00 € (63 %) |
| Mehrwertsteuer 7 % (× 7 ÷ 107) | 26,17 € | 39,25 € |
| Mehrwertsteuer 19 % (× 19 ÷ 119) | 127,73 € | 502,94 € |
| Mehrwertsteuer gesamt | 153,90 € | 542,19 € |
| in % des Einkommens | 7,69 % | 6,78 % |
| in % der Konsumausgaben | 7,69 % | 10,84 % |
Haushalt B zahlt in Euro gut dreieinhalbmal so viel Mehrwertsteuer wie Haushalt A. Bezogen auf das Einkommen ist seine Belastung aber geringer (regressiv), bezogen auf den Konsum höher (progressiv). Die Steuer aus einem Bruttobetrag berechnen Sie mit dem Rechner zum Herausrechnen der Mehrwertsteuer.
Was die Forschung zeigt
| Studie | Kernaussage |
|---|---|
| DIW Wochenbericht 51+52/2016 (Bach, Beznoska, Steiner) | Indirekte Steuern wie Mehrwertsteuer, Energie- und Tabaksteuer belasten niedrige Einkommen relativ zum Einkommen deutlich stärker. Mit Sozialbeiträgen ist die Gesamtbelastung über die Einkommensgruppen überraschend gleichmäßig. |
| IW-Trends 2017 (Beznoska, Hentze) | Die Mehrwertsteuer wirkt leicht regressiv; die oberen 10 % der Haushalte tragen trotzdem rund 18 % des Aufkommens. |
| OECD Tax Policy Studies Nr. 22 (2014) | Über 20 OECD-Länder hinweg: regressiv relativ zum Einkommen, proportional oder leicht progressiv relativ zu den Ausgaben. Ermäßigte Sätze helfen ärmeren Haushalten, kommen in absoluten Beträgen aber stärker reicheren zugute. |
| DIW zur Abschaffung des ermäßigten Satzes | Eine Abschaffung des 7-%-Satzes würde ärmere Haushalte relativ stärker belasten. |
Ein methodischer Punkt ist umstritten: Viele Ökonomen halten das Konsumniveau über das ganze Leben für den besseren Maßstab, weil heute Gespartes später ausgegeben – und dann besteuert – wird. Über die Lebenszeit betrachtet ist die Mehrwertsteuer deutlich weniger regressiv als in einer Jahresbetrachtung. Kritiker halten dagegen, dass sehr hohe Vermögen oft vererbt und nie vollständig konsumiert werden.
Der ermäßigte Satz: soziales Instrument oder Gießkanne?
Der 7-%-Satz soll Güter des Grundbedarfs verbilligen. Er wirkt aber für alle Käufer gleich: Ein Haushalt mit hohem Einkommen, der mehr und teurere Lebensmittel kauft, spart in Euro mehr als ein Haushalt mit geringem Einkommen. Zudem sind auch Bücher, Hotelübernachtungen, Kulturveranstaltungen und seit 2026 Speisen im Restaurant ermäßigt – Ausgaben, die mit dem Einkommen steigen.
Daraus ergeben sich zwei Positionen:
- Abschaffen und gezielt ausgleichen: Ökonomen etwa des ifo-Instituts schlagen vor, den ermäßigten Satz weitgehend abzuschaffen und mit den Mehreinnahmen Geringverdiener direkt zu entlasten, zum Beispiel über höhere Grundfreibeträge oder Transfers. Das sei zielgenauer und vereinfache das System.
- Beibehalten oder ausweiten: Sozialverbände und Teile der Politik halten den ermäßigten Satz für unverzichtbar und fordern eher 0 % auf Grundnahrungsmittel. Transfers erreichten nicht alle Bedürftigen, und eine höhere Steuer auf Lebensmittel treffe Familien sofort spürbar. Den Stand der Debatte beschreibt 0 % Mehrwertsteuer auf Lebensmittel.
Was eine Erhöhung des Regelsatzes bedeuten würde
In der Debatte um eine Mehrwertsteuer-Erhöhung wird oft mit der Verteilungswirkung argumentiert. Im Beispiel oben würde ein Punkt mehr beim Regelsatz (19 % auf 20 %) Haushalt A rund 6,72 € und Haushalt B rund 26,47 € im Monat kosten, wenn die Erhöhung voll in die Preise weitergegeben wird. Relativ zum Einkommen sind das 0,34 % bzw. 0,33 % – die Belastung ist hier fast gleich, weil Haushalt A einen großen Teil seines Budgets für steuerfreie und ermäßigte Güter ausgibt. Eine Anhebung des ermäßigten Satzes würde dagegen untere Einkommen relativ stärker treffen. Eine Analyse der Hans-Böckler-Stiftung kommt für einen Punkt mehr beim Regelsatz auf rund 11 € monatlich für eine Familie mit zwei Kindern und 3.800 € Einkommen. Aktuelle Vorschläge und deren Stand: Mehrwertsteuer-Erhöhung. Ob Erhöhungen tatsächlich in die Preise wandern, zeigt Mehrwertsteuer und Inflation.
Einordnung
Die Mehrwertsteuer ist nicht dafür gebaut, Einkommen umzuverteilen – das leisten Einkommensteuer und Sozialtransfers. Ihre Stärken sind ein breites, stabiles Aufkommen von zuletzt 310,2 Mrd. € (2025) und geringe Ausweichmöglichkeiten. Ob das Gesamtsystem gerecht ist, lässt sich deshalb nur im Zusammenspiel aller Steuern und Transfers beurteilen. Wer die Steuer wirtschaftlich trägt, erklärt Wer zahlt die Mehrwertsteuer?; wohin das Geld fließt, Verteilung der Mehrwertsteuer.
Häufige Fragen
Ist die Mehrwertsteuer regressiv?
Bezogen auf das Einkommen ja: Haushalte mit geringem Einkommen zahlen einen höheren Anteil ihres Einkommens als Mehrwertsteuer, weil sie weniger sparen. Bezogen auf die Konsumausgaben ist sie annähernd proportional oder leicht progressiv.
Belastet die Mehrwertsteuer Geringverdiener stärker?
Relativ zum Einkommen ja, in absoluten Euro nein. Haushalte mit hohem Einkommen zahlen deutlich mehr Mehrwertsteuer, aber einen kleineren Anteil ihres Einkommens.
Ist der ermäßigte Mehrwertsteuersatz sozial?
Er senkt die relative Belastung von Haushalten mit geringem Einkommen, ist aber wenig zielgenau: In Euro profitieren Haushalte mit hohem Einkommen stärker, weil sie mehr ermäßigte Güter kaufen.
Warum wird die Mehrwertsteuer trotzdem erhoben?
Sie bringt ein hohes, stabiles Aufkommen, ist schwer zu umgehen und belastet Exporte nicht. Die Umverteilung übernehmen andere Instrumente wie die progressive Einkommensteuer und Sozialleistungen.
Quellen
- Bach, S., Beznoska, M., Steiner, V.: Wer trägt die Steuerlast in Deutschland? DIW Wochenbericht 51+52/2016
- Beznoska, M., Hentze, T.: Die Verteilung der Steuerlast in Deutschland, IW-Trends 2017
- OECD/KIPF: The Distributional Effects of Consumption Taxes in OECD Countries, OECD Tax Policy Studies No. 22, 2014
- DIW Berlin: Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes – ärmere Haushalte relativ stärker belastet
- Hans-Böckler-Stiftung: Analyse zur Belastungswirkung einer Mehrwertsteuererhöhung
- Statistisches Bundesamt: Kassenmäßige Steuereinnahmen 2025